Bonitätsratings und die Vermessung der Lebensversicherungsbranche

Bonitätsratings und die Vermessung der Lebensversicherungsbranche

Bevor ich als Kunde einen (fast) lebenslangen Vertrag mit einem Lebensversicherer eingehen würde, würde ich Folgendes wissen wollen: Was taugt das Produkt überhaupt? Und kann der Versicherer seine versprochenen Leistungen künftig auch einhalten?

Auf der Reise durch die Lebenszeit eines Vertrags kann in meinem Leben viel passieren – aber auch beim Versicherer: Vorstände und Strategie können sich ändern, oder das Thema „Run-Off“ wird vielleicht akut. Kapitalmarktkrisen und Pandemien können das Produkt und die Bilanz des Lebensversicherers unter Druck setzen. Auch der demographische Wandel kann sich nachhaltig negativ auf das Unternehmen auswirken.

Das alles hat enormen Einfluss auf die Standfestigkeit des Unternehmens – und damit auch auf dessen Leistungsfähigkeit. Da der Vermittler keine Glaskugel hat und in die Zukunft blicken kann – wahrscheinlich hätte er sonst auch einen anderen Job – stützt er sich sehr gerne auf Ratings. Doch welche Ratings gibt es? Und wie hilfreich sind diese?

Ratings soweit das Auge reicht

Das englische Wort „Rating“ stammt vom Verb „to rate“, was so viel wie „bewerten“ bedeutet. Ganz allgemein handelt es sich bei einem „Rating“ um eine Bewertung nach einem gewissen Gesichtspunkt oder Thema.

Ratings kennen wir beispielsweise bei Lebensmitteln in Form des „Tierwohllabels“ oder der „Lebensmittelampel“. Ratings gibt es aber auch bei Hotels, Restaurants, Handwerkern oder Ärzten. Es gibt sie wie Sand am Meer – wenig verwunderlich also, dass Ratings auch in der Lebensversicherungsbranche ihren Einzug gehalten haben.

Ratings in der Lebensversicherungsbranche

Ganz allgemein unterscheidet man die Ratings in der Lebensversicherungsbranche nach deren Hauptthema:

Bei Produktratings steht das Produkt im Mittelpunkt. Bewertet werden hier zum Beispiel:

  • die Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) einer Berufsunfähigkeitsversicherung,
  • das Rendite-Risiko-Profil eines Sparprodukts, oder
  • die konkrete Risikodeckung einer Grundfähigkeitsversicherung.

Seit kurzem spielt auch die Nachhaltigkeit der Kapitalanlage eines Produkts eine Rolle – Stichwort „ESG“.

Anbieter von Produktratings sind beispielsweise Morgen & Morgen, Franke & Bornberg und Ascore. Aber aufgepasst: Ein Ranking nach der möglichen Ablaufleistung eines Sparprodukts aus einer Vergleichssoftware – womöglich sogar auf Basis einer konstanten Wertentwicklung – ist kein Rating. Insbesonders ist dies noch nicht einmal eine Entscheidungshilfe, wie ich in einem früheren Klartext-Artikel schon einmal deutlich gemacht habe.

Bei einem Prozessrating wird ein spezifischer Prozess im Zusammenhang mit einem Produkt bewertet. Dies kann das Underwriting während des Antragsprozesses bei einem Risikoprodukt sein oder auch das Schadenmanagement im Leistungsfall.

Bei einem Unternehmensrating soll das Unternehmen als Ganzes beleuchtet. Dabei können Aspekte wie Servicequalität oder Nachhaltigkeit betrachtet werden, aber auch Prozesse und Produkte. Besonders wichtig bei einem Unternehmensrating: die Finanzstärke und Bonität des Unternehmens. In diesem Bereich des Rating-Universums tummeln sich internationale Branchengrößen wie Standard & Poor‘s, Fitch und nationale Player wie Morgen & Morgen und Assekurata, die sich ganz auf die Versicherungsbranche spezialisiert haben.

Es gibt auch noch Mischformen aus den verschiedenen Ratings, beispielsweise das BU-Unternehmensrating von Franke & Bornberg. Dieses Rating beleuchtet drei Teilbereiche mit Fokus auf der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU): Kundenorientierung in der Angebots- und Antragsphase, Kundenorientierung in der Leistungsregulierung und Stabilität des BU-Geschäfts. Momentan liegen zum BU-Unternehmensrating erst vier Ratings vor.1 Alle vier teilnehmenden Versicherer schneiden dabei mit der Höchstnote „FFF+“ ab1. Deshalb kann man diese Ratings nur schwer in einen branchenweiten Zusammenhang einordnen.

Der Finanzstärke auf der Spur: Bonitätsratings

Die Begriffe Finanzstärke, Kreditwürdigkeit und Bonität zielen gleichermaßen auf die aktuelle wirtschaftliche Situation eines Unternehmens ab. Bei einem solchen Rating wird die künftige Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens bewertet. Bei einem Lebensversicherer geht es konkret darum: Wie gut kann er künftig die Leistungsverpflichtungen aus seinen Bestandsverträgen erfüllen?

Sehr viele Ratingagenturen und -häuser tummeln sich in dieser Königsdisziplin der Ratingwelt. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über einige bekannte Anbieter. Dabei führen nicht alle hier genannten Anbieter reine Bonitätsratings durch.

Bekannte Anbieter von Bonitäts- bzw. Unternehmensratings
Standard & Poor’s (S&P)
Moody’s
Fitch
A.M. Best
DBRS Morningstar (DBRS)
Morgen & Morgen (M&M)
Assekurata
Deutsches Finanz-Service Institut (DFSI)
Franke & Bornberg (F&B)
Tabelle 1: Einige der bekannten Anbieter von Bonitäts- bzw. Unternehmensratings


Sehen wir uns die Anbieter und ihre Ratings etwas genauer an:

Standard & Poor’s und Co

Standard and Poor’s (S&P) ist die wohl bekannteste internationale Ratingagentur. Sie ist weltweit auch die dominierende Ratingagentur neben den anderen internationalen Ratinghäusern Moody’s, Fitch und DBRS Mornigstar. Ein weiterer internationaler Anbieter ist A.M. Best, der sich auf die Versicherungsbranche spezialisiert hat. Das jeweilige Top-Rating bekommt bei diesen Häusern folgende Rating-Codes:

AnbieterRating-Code für Top-Rating
Standard & Poor’s (S&P)AAA
Moody’sAaa
FitchAAA
A.M. BestA++ (im Financial Strength Rating)
DBRS Morningstar (DBRS)AAA
Tabelle 2: Rating-Codes für ein Top-Rating bei den internationalen Anbietern


Die Rating-Codes ähneln sich. Bei S&P und Fitch werden Zwischenstufen bei den Ratings zusätzlich mit „+“ und „-“ gekennzeichnet. „AA+“ steht für „etwas besser als AA“ und „AA-“ für „etwas schlechter als AA“. Bei Moody’s werden für die Zwischenstufen die Zahlen 1, 2 und 3 an den Code aus Buchstaben angehängt.

Grundsätzlich gilt: Je niedriger das Rating, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Unternehmen ausfällt.

Für ausgewählte Staaten gibt es momentan diese Bewertungen2:

StaatS&PMoody‘sFitch
DeutschlandAAAAaaAAA
JapanA+A1 (wie A+ bei S&P)A
MexikoBBBBaa1 (wie BBB+ bei S&P)BBB-
TürkeiB+B2 (wie B bei S&P)BB-
Tabelle 3: Bonitätsrating von ausgewählten Staaten bei internationalen Anbietern


Man sieht deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Staaten, aber auch leichte Unterschiede zwischen den Einschätzungen der einzelnen Ratinghäuser zu einem Staat.

Kommen wir zu den weiteren, nationalen Anbietern:

Morgen & Morgen

Neben Produktratings und den bekannten Rendite-Risiko-Profilen bei Sparprodukten (Volatium®) führt Morgen & Morgen (M&M) auch Unternehmensratings in der Lebensversicherung durch. Dabei werden jährlich die Geschäftsberichte der vergangenen fünf Jahre ausgewertet. In das Ergebnis gehen Nettoverzinsung, Wachstumsquote oder auch die Eigenmittelquote ein. Einzelheiten zum Verfahren gibt es in der Ratingdokumentation.

Da der Schwerpunkt des Unternehmensratings bei M&M nicht nur auf der Finanzstärke liegt, hat dieser Anbieter ein weiteres Rating entwickelt: den M&M-Belastungstest. Dabei beurteilt M&M einen Lebensversicherer nur auf seine Solvabilität – und damit auf seine künftige Krisenfestigkeit. Für diesen Test werden veröffentlichte Solvenzberichte (SFCR) sowie zusätzliche gesellschaftsspezifische und nicht veröffentlichte Daten verwendet.

An diesem Rating haben in der Version von 2020 51 Unternehmen teilgenommen. Es wird schon seit 2006 durchgeführt und wurde wegen Solvency II im Jahr 2017 grundlegend überarbeitet. Die Ergebnisse dieses Ratings verteilen sich so auf die vier Rating-Kategorien:

Grafik 1: Die Ergebnisse des M&M-Belastungstests (Jahr 2020)

Bemerkenswert ist: Zwar hat kein Unternehmen das Prädikat „kritisch“ erhalten, allerdings haben aber auch 29 Lebensversicherer nicht an der Auswertung teilgenommen.

Assekurata

Auch bei Assekurata gibt es ein Unternehmensrating und ein Bonitätsrating. Mit dem Unternehmensrating bewertet Assekurata deutsche Erstversicherer aus Sicht der Versicherungsnehmer. Dabei geht das Rating über ein reines Bonitätsrating hinaus. Die Qualität des gesamten Unternehmens wird aus Kundensicht nach verschiedenen Teilqualitäten analysiert und bewertet. Details zum Unternehmensrating finden Sie in dieser Ratingdokumentation.

Mit dem separaten Bonitätsrating bewertet Assekurata die finanzielle Leistungsfähigkeit deutscher Erst- und Rückversicherer. Dabei werden Informationen aus den Unternehmen und deren Umwelt berücksichtigt. Details zum Bonitätsrating finden Sie in dieser Ratingdokumentation.

Beim Bonitätsrating von Assekurata gibt es momentan 24 öffentliche Ratings von Lebensversicherern. Vier weitere sind nicht öffentlich. Dabei orientiert sich Assekurata beim Rating-Code am großen Anbieter S&P („AAA“ für das Top-Rating und so weiter). Die öffentlichen Ratings verteilen sich so:

Grafik 2: Die Ergebnisse des Bonitätsratings von Assekurata (2020/2021)

Der mit Abstand größte Teil der Unternehmen bewegt sich danach in der Kategorie „A (+/-)“. Die Ratings der Unternehmen kann man jedoch schwer miteinander vergleichen, da der Zeitpunkt der Ratings teils um fast ein Jahr auseinander liegt.

DFSI

Bei dem Rating des Deutschen Finanz-Service-Instituts handelt es sich um ein Unternehmensrating. In diesem werden die Teilbereiche Substanzkraft, Produktqualität und Service getrennt voneinander analysiert und anschließend zu einem Gesamtergebnis zusammengefasst. Die Gewichtung: 40 % Substanzkraft, 40 % Produktqualität und 20 % Service.

Beim Rating 2020 haben 36 Unternehmen teilgenommen, also weniger als beispielsweise beim M&M-Belastungstest. Beim Rating-Code orientiert sich auch DFSI am großen Anbieter S&P.

Für die Beurteilung der Substanzkraft eines Unternehmens werden der Jahresabschluss und die aktuelle Deklaration berücksichtigt. Betrachtet man nur diese, ergibt sich folgendes Bild von allen 36 teilnehmenden Unternehmen:

Grafik 3: Die Ergebnisse des DFSI-Ratings im Bereich Substanzkraft (2020)

Über 60 % der teilnehmenden Lebensversicherer haben die Kategorie „AA (+/-)“. Bei allen teilnehmenden Lebensversicherern wird die Substanzkraft mindestens als „ausreichend“ eingestuft.

Franke & Bornberg

Der MAP-Report wird seit 2019 unter der Marke Franke & Bornberg herausgegeben. Ähnlich wie bei M&M gibt es dabei ein Bilanzrating und ein Solvabilitätsrating. Das Bilanzrating basiert auf den Jahresabschlüssen, das Solvabilitätsrating auf den SFCR-Berichten der Unternehmen. Öffentlich zugänglich dazu sind in den Pressemitteilungen leider nur wenige Informationen (Bilanzrating, Solvabilitätsrating). Diese sind für eine Analyse in diesem Artikel nicht ausreichend.

Das muss ein Vermittler zu den Ratings wissen

Folgende Punkte müssen Vermittler bei Ratings unbedingt berücksichtigen:

1. Unabhängigkeit und Transparenz des Ratings

Ein zentraler Punkt eines Ratings ist dessen Unabhängigkeit und Transparenz. Dies bedeutet für mich, dass Klarheit herrschen muss – zum Beispiel bei folgenden Fragen: Wer zahlt wie viel Geld für das Rating? Wer genau führt das Rating durch? Welche Informationen werden beim Rating berücksichtigt? Wie kommt das Ratingergebnis zustande?

2. Marktabdeckung des Ratings

Eine hohe Marktabdeckung sorgt dafür, dass die gängigen Produkte und Anbieter auf Basis gleicher Kriterien „durchleuchtet“ werden. So wird bei Ratings ein marktweiter Vergleich innerhalb der gleichen Ratingkriterien erst möglich.

3. Ratings sind nur eine Momentaufnahme

Ratinganbieter haben auch keine Glaskugel. Die Lage eines Unternehmens kann sich schnell ändern – manchmal schneller als es ihm lieb ist. Ratings sind deshalb nur eine Momentaufnahme.

Inwieweit die Bonität und Finanzkraft eines Lebensversicherers von der aktuellen Deklaration abgeleitet werden kann, darf bezweifelt werden. Insbesondere ist die aktuelle Deklaration keine gute Prognose für die Zukunft. Noch vor zehn Jahren Branchenprimus bei der Überschussbeteiligung, befindet sich der gleiche Lebensversicherer nun im hinteren Drittel des Rankings. Das konnte vor zehn Jahren kein Rating vorhersehen.

Natürlich kann man sich die Entwicklung des Ratings eines Unternehmens über die Zeit anschauen. Aber auch dabei gilt wie bei Rückrechnungen: Aussagen zur Vergangenheit sind kein Anhaltspunkt für die Zukunft. Wie sehr das stimmt, zeigen diese zwei Beispiele deutlich:

Am 10.09.2008, nur fünf Tage vor der Pleite, hatte die Bank Lehman Brothers noch ein durchaus passables Rating von A2 (Moody’s).3

Die großen drei Ratinghäuser haben erst mit der Notverstaatlichung des US-amerikanischen Versicherungskonzerns American International Group (AIG) das Unternehmen herabgestuft: von AA- auf A- (S&P), von AA- auf A (Fitch) und von Aa3 auf A2 (Moody’s).4

4. Bei Best-of-Ratings ganz genau hinschauen

Ein Beispiel für ein Best-of-Rating ist das FOCUS-MONEY-Rating. Dieses beschäftigt sich mit der Finanzstärke von Lebensversicherern. Dabei werden die Ratings der Anbieter S&P, Fitch, Moody’s, A.M. Best, Assekurata und DFSI betrachtet. Das zusammengeführte Rating von FOCUS-MONEY zieht die beste Rating-Einstufung eines Unternehmens aus diesen Anbietern heraus.

„Das ist fast so, als ob man für die Abitur-Note einfach die Note
des besten Schulfachs nehmen würde.“

Das Schwierige beim Vorgehen von FOCUS-MONEY ist, die einzelnen Ratings in ein gemeinsames Notenwerk umzuwandeln. Nach diesem Notenwerk entspricht ein „AA“ von S&P einem „AAA“ vom DFSI. Dies ist aber leider meiner Meinung nach nicht wirklich sinnvoll. Denn das Rating beim DFSI setzt sich, wie schon erläutert, zu 40 % aus der Produkt-Qualität und zu 20 % aus der Service-Qualität zusammen. Und das hat größtenteils rein gar nichts mit der Finanzstärke zu tun.

5. Polarisierende Berichterstattung zur Finanzstärke behindert den Durchblick

Auf der einen Seite nimmt die BaFin 17 Lebensversicherer „in Manndeckung“, weil die Solvency II-Kennzahlen nicht so überzeugend sind5. FOCUS-MONEY veröffentlicht die Schlagzeile „Lebensversicherer in Gefahr: So retten Kunden jetzt ihre Altersvorsorge“6. Auf der anderen Seite ist es genau FOCUS-MONEY, das in seinem Rating (siehe Punkt 4) die Finanzstärke von 57 Lebensversicherern als „extrem stark“ bis „stark“ bewertet. Weitere vier Lebensversicherer erhalten das Prädikat „gut“ und die drei Schlusslichter im Rating erhalten immerhin noch ein „befriedigend“ (Schulnote 2,75).

6. Solvency II-Kennzahlen sind einfach nicht vergleichbar

Wenn der Jahresabschluss (Bilanz), auf den sich einige Ratings stützen, so großartige Informationen zur Finanzstärke und Stabilität enthält, warum wurde dann Solvency II eingeführt? Die Antwort ist einfach: Man kann die Risiko-Tragfähigkeit eines Unternehmens nicht aus dem Jahresabschluss ableiten! Es ist aber trotzdem nicht sinnvoll, die Solvency II-Kennzahlen der einzelnen Unternehmen zu vergleichen. Die Gründe dafür habe ich schon in diesem Klartext-Artikel deutlich gemacht.

7. Produktratings sind echte Innovationskiller

Das Konzept von Produktratings ist leider meist viel zu starr. Innovationen und neue Entwicklungen in den Produktschmieden der Lebensversicherer finden in der bisherigen Rating-Systematik oft keinen Platz. Eine neue Ratingkategorie, die eigentlich für diese Innovation notwendig wäre, wird häufig aus Mangel an Vergleichsprodukten nicht am Markt eingeführt. Als Anbieter hat man dann nur zwei Möglichkeiten: ohne Produktrating auskommen oder sich der bisherigen Rating-Systematik unterwerfen. Beides ist oft für das neue Produkt von Nachteil. Dadurch können sich echte Innovationen und „exotische“ Produkte nur schwer am Markt etablieren.

Ratings sind keine Heilsbringer, aber trotzdem sinnvoll

Ratings dienen Vermittlern zur Unterstützung bei der Entscheidung im Gespräch mit potenziellen Kunden. Letztlich geht es dabei für den Vermittler darum: Er hat eine unabhängige, neutrale Bestätigung für seine Präferenz und seinen Vorschlag vorliegen. Mir erscheinen Ratings deshalb vor allem als Hygiene- und Wohlfühlfaktoren im Verkaufsprozess.

„Ratings nicht zu beachten wäre fahrlässig, einzig darauf zu
vertrauen aber definitiv auch!“

Entscheidend ist, dass ein Produkt zum Kunden und seiner persönlichen Situation passt. Dabei hängt der Nutzen des Produkts für den Kunden von dessen individuellen Präferenzen ab. Deshalb kann er von den Kriterien eines einzelnen Produktratings teils auch deutlich abweichen. Dann muss man den Nutzen des Produkts für diesen Kunden höher einschätzen als das Rating.

„Ratings können eines von vielen Puzzleteilen bei der
Unternehmens- und Produktauswahl sein. Mehr aber auch nicht.“

Besonders bei Lebensversicherungen mit einer Überschussbeteiligung ist auch die Finanzstärke des Unternehmens wichtig. Ob diese aber in Form eines Ratings auf Basis des letzten Jahresabschlusses oder der aktuellen Überschussbeteiligung abgeleitet werden sollte, stelle ich sehr in Frage. 

Die gute Nachricht zum Schluss: Ganzheitlichkeit und Diversifikation sind weiterhin sinnvoll

Der Nutzen eines Produkts für den Kunden kann von den Kriterien eines Produktratings abweichen. Außerdem entscheidend: Welche weiteren Produkte hat der Kunde bereits in seinem Portfolio?

Betrachten wir folgendes Beispiel: Ein Emerging-Markets ETF kann allein betrachtet zu riskant für einen Kunden sein. Mit seinem Portfolio aus klassischer Lebensversicherung, Tagesgeldkonto und vielseitigem Depot aus Dividenden-Aktien kann dieser ETF aber genau die richtige Ergänzung sein. Das Gesamt-Portfolio, insbesondere dessen Rendite-Risiko-Profil, muss vor allem zum Kunden passen.

Alters- und Risikovorsorge darf durchaus auf mehrere Schultern verteilt werden.“

Dass man zu Beginn eines Lebensversicherungsvertrags die 100 %ige Gewissheit über die künftige Finanzstärke des Unternehmens hat, garantieren auch Bonitätsratings nicht. Ein Stück weit muss man sich, vielleicht ähnlich wie bei einer Ehe, auf das Abenteuer einlassen und auf das Bauchgefühl verlassen. Jedoch anders als eventuell in der Ehe kann man bei Versicherungen auch problemlos mehrgleisig fahren.

QUELLEN

1:
Abruf der Webseite https://www.franke-bornberg.de/ratings/arbeitskraftsicherung/aks-unternehmensrating/bu-unternehmensrating am 19.07.2021

2:
Abruf der Werte via https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Kreditrating am 19.07.2021

3:
https://www.researchgate.net/publication/317589122_Die_wundersame_Schuldvermehrung_der_Banken_im_Zuge_der_Aufarbeitung_der_Finanzkrise_200708

4:

https://www.faz.net/aktuell/finanzen/medienschau-rating-agenturen-stufen-aig-herab-11223311.html

https://de.wikipedia.org/wiki/American_International_Group#Finanzkrise_ab_2007

5:

https://www.cash-online.de/versicherungen/2021/policen-direkt-17-lebensversicherer-in-enger-manndeckung-der-bafin/563121

6:

https://www.focus.de/finanzen/experten/lebensversicherer-in-lebensgefahr-so-retten-kunden-jetzt-ihr-geld_id_13073809.html