Zwischen Run-off, Digitalisierung und Fassadenmalerei

Aktueller Status der deutschen Lebensversicherungsbranche

Die Versicherungsbranche befindet sich in einem Veränderungsprozess und bereits heute ist absehbar, dass dieser Wandel alle bisherigen Veränderungen in den Schatten stellen wird. Es wird eine grundlegende Veränderung sein und ein Blick in andere Branchen, zum Beispiel Einzelhandel und Medien, lässt uns bereits erahnen, wie massiv diese Transformation sein wird.

Die Branche mit der Superkraft

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist für fast alle Menschen von zentraler Bedeutung. Lebensversicherungsunternehmen haben das Gefühl von Sicherheit über Jahrzehnte vermittelt und sind unsichtbare Lebensbegleiter gewesen.

Das Versicherungsprinzip, also der Grundgedanke hinter dem abstrakten Konstrukt „Versicherung“, ist so einfach wie genial: Was jemand allein nicht schafft, das schafft man zusammen. Dieser Ausgleich im Kollektiv ermöglicht es, ein für ein Individuum allein nicht tragbares (finanzielles) Risiko auf ein Kollektiv zu verteilen.

Die Aufgabe eines Versicherungsunternehmens ist es, dieses Kollektiv zu verwalten und den Ausgleich zu ermöglichen. Nur ein Versicherungsunternehmen hat diese Superkraft.

Lage der Nation

Nicht zuletzt wegen der steigenden Lebenserwartung und der sinkenden staatlichen Vorsorge wird die private Vorsorge immer wichtiger. Dennoch liegt viel Geld auf Sparkonten brach. Das kann die Lebensversicherungsbranche besser. Potenzielle Steueranreize ergänzen die Vorteile der Branche. Der Status quo weist aber auch einige Probleme auf, die das Leben eines Lebensversicherers derzeit richtig schwer machen. Die gesamte Branche muss sich gleich auf mehreren Ebenen verschiedenen Herausforderungen stellen.

Niedrigzins und Regulation

Das Niedrigzinsumfeld, in Kombination mit zunehmender Regulierung, fordert aktuell den Unternehmen alles ab und stellt das deutsche, traditionelle System hart auf die Probe. In einer Phase von nunmehr über 25 Jahren sinkender Zinsen sind die Marktzinsen aktuell bei null angekommen. Im gleichen Sinkflug befindet sich auch die Überschussbeteiligung der Unternehmen – dies jedoch systembedingt zeitlich verzögert. Man muss kein Prophet sein, um die Entwicklung der Überschussbeteiligung in der Zukunft abschätzen zu können.

Das Problem mit den Altkunden, deren tatsächliche Auszahlung deutlich niedriger ausfallen wird, als noch in den 1980er-Jahren prognostiziert wurde, ist ein Stück weit auch hausgemacht. Die Kommunikation der Unternehmen lässt zu wünschen übrig. Dabei ist es doch denkbar einfach, auch dem Altkunden verständlich zu machen, dass andere sichere Anlageformen in den vergangenen Jahren – ja sogar Jahrzehnten – keine besseren Renditebringer waren, vor allem nicht das Sparbuch. Es ist daher kein Wunder, warum Gelder aus auslaufenden Verträgen nur selten wieder in Versicherungen angelegt werden.

Die lang anhaltende Niedrigzinsphase macht auch deutlich, dass das deutsche, traditionelle System Schwächen hat. Solvency II macht diese auf streitbare Art und Weise transparent. In den Unternehmen hat nun Kapitaleffizienz höchste Priorität und so wundert es auch kaum, dass durch die zunehmende Regulierung in den Unternehmen eine Fokussierung auf das Risikomanagement stattgefunden hat. Eine solche nach innen gekehrte Sicht hat jedoch nicht den Kunden im Fokus.

Mehr und mehr ist im Markt eine Abkehr von der jahrzehntelang bekannten, klassischen Lebensversicherung zu beobachten.

Dies wird auch durch das Thema „Run-Off“ deutlich. Betrachtet man einen Lebensversicherer ganz rational nur als Verwalter des Kollektivs, so mag ein Wechsel in Anbetracht der langen Laufzeiten von Versicherungsverträgen durchaus natürlich und kaum problembehaftet erscheinen. Doch Lebensversicherer sind mehr als nur reine Verwalter. Deshalb wird das Thema richtigerweise aktuell sehr kontrovers diskutiert. Run-off ist (langfristig) keine Lösung für die Erstversicherer, es sei denn, sie möchten sich selbst überflüssig machen.

Der Kunde ist König

Die Versicherungsbranche ist aber nicht nur im Würgegriff des Kapitalmarkts, sondern kämpft an verschiedenen Fronten mit neuen und alten Mitstreitern: Banken, Kapitalanlegern, Rückversicherern und zunehmend auch mit den großen Technologieunternehmen wie Amazon und Google.

Vor allem der fortschreitende Individualismus der Kunden und der Ruf nach Flexibilität und Schnelligkeit sind eine Herausforderung für die Unternehmen. Deren komplexe Prozesse sowie deren starre und langsame Organisation und der teure Verwaltungsapparat stellen große Innovationshindernisse dar. Eine Digitalisierung und Individualisierung des Angebots ist in einem solchen Umfeld nicht zu erreichen.

Die Kunden haben sich aber bereits an eine digitale Erfahrung, die von Unternehmen wie Apple, Amazon und Co. geboten wird, gewöhnt. Eine solche wird auch von einem Versicherer erwartet, aber auf breiter Front von der Branche nicht geliefert. Auch wenn die Branche sich „customer first“ auf die Fahne geschrieben hat, muss sie erst noch zeigen, wie ernst sie das tatsächlich meint.

Die Faustregel „für kurze Anlage zur Bank und für langfristige Anlage zur Versicherung“ hat längst ausgedient. Die beiden Branchen vermischen sich und weitere Branchen kommen hinzu. Amazon hat seit geraumer Zeit mehr als nur einen Blick auf die Finanzdienstleistungsbranche geworfen. Es entsteht ein Ökosystemen aus unterschiedlichen Dienstleistungen – und alles im Auftrag des Kunden.

Der Finanz-Analphabetismus der breiten Bevölkerung erfordert heute und auch morgen weiterhin eine fundierte Beratung. Und die Wichtigkeit dieser Beratung wird in einem immer komplexer werdenden Dschungel aus Produkten und Regeln eher zu- als abnehmen.

Und dann kommt auch noch die InsurTech-Bewegung

Seit ein paar Jahren kommen mehr und mehr junge, wilde Start-ups an den Markt, die sich regelrecht auf die Versicherungsbranche stürzen („InsurTech“). Dies verwundert nicht so sehr, denn es handelt sich um eine lukrative und große Branche, die zudem viel Potenzial für Verbesserungen hat.

Die InsurTech-Bewegung ist der kleine Bruder der FinTech-Bewegung, die den Bankensektor umkrempeln will. Bei beiden Bewegungen geht es nicht nur um die Verbesserung der Wertschöpfungskette, sondern auch um deren Neuordnung. Es zeigt sich aber ebenfalls bereits, dass es im Grunde eher um eine Kooperation von alter und neuer Welt statt um eine echte Konfrontation geht.

Auch wenn vereinzelte Aktivitäten der etablierten Branchenteilnehmer bereits in die richtige Richtung zeigen, ist die Branche insgesamt noch nicht vollends aktiv geworden. Die aktuell aufkommende InsurTech-Bewegung gibt der Branche neue Impulse. Die richtige Einbindung der InsurTech-Bewegung und die Adaption ihres Pioniergeistes werden bestimmen, ob es für ein einzelnes Unternehmen eine Evolution, eine Revolution oder sogar eine Disruption wird. Die Digitalisierung wird die natürliche Marktbereinigung weiter vorantreiben.

Technologie ist sicherlich nicht der Allheilsbringer. Sie wird aber wesentlich dazu beitragen, einige der gegenwärtigen Probleme eines Lebensversicherers zu lösen. Die Tech-Bewegung ist daher weniger ein neuer Konkurrent oder ein regulatorisches Thema, welches „einfach nur umgesetzt“ werden muss, sondern vielmehr ein willkommener und hilfsbereiter neuer Freund.

Die neuen technologischen Möglichkeiten werden die Arbeit des Vertriebs erleichtern, sodass sich der einzelne Berater auf das Wesentliche, die (fortlaufende) Beratung, fokussieren kann. Die technologische Weiterentwicklung und der Kunde werden letztendlich entscheiden, wie viel von dieser Beratung menschlich und wie viel künstlich sein wird.

Lebensversicherer suchen noch nach dem Masterplan

Die Lebensversicherungsbranche befindet sich in einer Transformation und dieser Wandel ist keine gewöhnliche Evolution. Es ist eine grundlegende Veränderung, mindestens eine Revolution. Es ist an der Zeit, dass die deutschen Lebensversicherer das bestehende Geschäftsmodell und die Art und Weise, wie sie heute tätig sind, grundlegend überarbeiten. Es geht dabei vor allem auch um eine neue Produktphilosophie, um Digitalisierung und um die Zusammenarbeit mit Start-ups.

Einzelne Maßnahmen in unterschiedlichen Bereichen, etwa ein neues Produktfeature hier oder eine App dort, greifen einfach zu kurz. Fassadenmalerei hilft der Branche hier nicht weiter.

Das richtige Ausnutzen der Möglichkeiten der heutigen Technologie wird einem Lebensversicherer zum Durchbruch in der scheinbar hoffnungslosen Welt aus Regulierung, niedrigen Zinsen und stagnierendem Neugeschäft verhelfen. Letztlich ist die Technologie in der Lage, eine „Win-win-win“-Situation zu schaffen, weil auch der Vertrieb und der Kunde von ihr profitieren werden. Die Kunden werden schneller, flexibler und transparenter bedient als je zuvor – oder kurz und knapp gesagt: einfach besser als heute! Die InsurTech-Bewegung wird eine Frischzellen- und Verjüngungskur für die Branche sein.

Es ist schwer zu glauben, dass die ganze Versicherungsbranche oder der dahinterstehende Grundgedanke verschwinden werden, aber einige Unternehmen und die derzeitige Praxis werden es. Das Ende von „das haben wir schon immer so gemacht“ ist nah. Die Revolution hat bereits begonnen. Technologie wird das Lebensversicherungsgeschäft mehr verändern, als Regulierung es jemals tun kann.